„Am schwierigsten ist es, dass er so wütend ist. Er will so viel und kann auch schon sehr viel für sein Alter. Er ist so weit. Er ist so unzufrieden und schmeißt sich hin, tritt und schlägt.“
Diese Nachricht bekam ich von Kerstin.
Eigentlich klingt das doch widersprüchlich.
Ein Kind entwickelt sich schnell.
Es versteht immer mehr.
Es kann immer mehr.
Eigentlich müsste der Alltag jetzt doch leichter werden.
Oder?
Viele Eltern erleben genau das Gegenteil. Je mehr ihr Kind plötzlich kann, desto häufiger kommt es zu Frust, Wut und Tränen.
Warum ist das so?
Entwicklung bedeutet nicht automatisch weniger Frust
Stell dir vor, dein Kind ist 15 Monate alt.
Heute Morgen wollte es die Waschmaschine einschalten.
Als Nächstes den Lichtschalter drücken.
Dann den Hund füttern.
Danach den Staubsauger schieben.
Im Supermarkt den Kassenbon tragen.
Zu Hause selbst die Banane schälen.
Vor ein paar Monaten haben viele dieser Dinge für dein Kind noch gar keine Rolle gespielt. Es wollte einfach nur TRINKEN, ESSEN, SCHLAFEN…
Heute ist das anders.
Seine Welt wird jeden Tag größer. Und damit entstehen unzählige neue Gedanken.
Und das haben viele Eltern gar nicht auf dem Schirm.
Je schlauer dein Kind wird, desto größer wird sein Kommunikationsbedarf
Viele Eltern denken in dieser Phase: „Mein Kind ist einfach schnell frustriert.“
Oder: „Es will immer seinen Willen durchsetzen.“
Vielleicht stimmt das gar nicht.
Entwicklung bedeutet nicht automatisch weniger Frust.
Entwicklung bedeutet oft erst einmal: mehr Gedanken, mehr Wünsche. mehr Pläne.
Und damit auch mehr Situationen, in denen etwas anders läuft, als dein Kind es sich vorgestellt hat.
Stell dir einmal vor…
…du hättest heute 200 Gedanken. Aber du dürftest keinen einzigen aussprechen.
Nicht: „Ich bin noch nicht fertig.“
Nicht: „Das war gerade unfair.“
Nicht: „Mir tut der Bauch weh.“
Nicht: „Ich habe Angst.“
Nicht: „Bitte hilf mir grad.“
Nicht: „Ich möchte das ganz anders machen.“
Wie lange würdest du ruhig bleiben?
Genau so geht es deinem Kind auch. Und klar, wenn das ständig passiert, dann entsteht richtig Frust.
Warum Eltern an der falschen Stelle suchen
Viele Eltern suchen nach Wegen, den Frust und die Wut ihres Kindes gut zu begleiten.
Und wenn sie jetzt von Babygebärden hören, hoffen sie, dass ihr Kind einfach die Gebärde WUT zeigen könnte, anstatt zu hauen, beißen oder treten“.
Das klingt logisch. Aber genau in diesem Moment ist dein Kind gar nicht mehr in der Lage, bewusst auf eine Alternative zurückzugreifen.
Dazu habe ich vor kurzem auch auf Instagram einen Post von @starkekinder.entspannteeltern geteilt, der das sehr schön verdeutlicht.
Besser ist es also, viel früher anzusetzen. Nicht erst IM Wutanfall, sondern in den vielen kleinen Momenten davor.
In den Momenten, in denen dein Kind helfen möchte, aber es nicht mitteilen kann.
In dem Moment, in dem du Licht brauchst, aber dein Kind den Knopf drücken möchte.
In dem Moment, in dem der Hund da ist und dein Kind noch etwas mehr Zeit mit ihm verbringen möchte.
Und dich zu fragen:
„Worüber möchte mein Kind gerade am dringendsten sprechen?“
Ein Beispiel aus meiner Begleitung
Eine Mama erzählte mir: „Mein Sohn rennt den ganzen Tag hinter dem Staubsauger her.“
Ihre erste Idee war: „Dann brauchen wir wohl die Gebärde STAUBSAUGER.“
Das klang logisch. Doch als wir gemeinsam genauer hinschauten, fiel etwas auf.
Er interessierte sich gar nicht in erster Linie für das Gerät, sondern für das Geräusch.
Für ihn war das Spannende: „Das ist LAUT!“
Genau diese Gebärde haben sie anschließend häufig verwendet. Und plötzlich konnte er zeigen, was ihn wirklich beschäftigte und sich verstanden fühlen.
Allein wäre die Mama wahrscheinlich nie darauf gekommen.
Und genau deshalb ist es so hilfreich, wenn nochmal jemand mit draufschaut.
Was du heute einmal beobachten kannst
Beobachte dein Kind heute einmal mit einer anderen Brille.
Nicht: „Warum ist es schon wieder wütend?“
Sondern: „Worüber möchte mein Kind im Moment eigentlich am liebsten sprechen?“
Welche Situation taucht immer wieder auf? Welches Thema fasziniert es gerade? Was versucht es dir vielleicht schon längst zu zeigen?
Allein diese neue Perspektive verändert oft schon den Blick auf viele Alltagssituationen.
Vielleicht fällt dir auf, dass es ständig:
- irgendwo HELFEN möchte.
- auf TIERE zeigt.
- Etwas „NOCHMAL“ möchte.
- MUSIK anmachen möchte.
- etwas SELBST ausprobieren möchte.
Genau hier können Babygebärden den Unterschied machen
Können Gebärden Wutanfälle verhindern?
Nein!
Und das wäre auch eine falsche Erwartung. Kinder werden weiterhin wütend sein. Sie werden enttäuscht sein, Grenzen erleben, traurig sein.
Das gehört zur Entwicklung dazu.
Aber Gebärden können etwas anderes verändern.
Sie geben deinem Kind früher eine Möglichkeit, seine Gedanken loszuwerden, in dem es zeigt:
👉 „NOCHMAL“
👉 „HELFEN“
👉 „HUND“
👉 „MUSIK“
👉 „LAUT“
👉 „HOCH“
genau das, was ihm gerade wichtig ist.
Dadurch verschwinden nicht alle Wutanfälle.
Aber ihr versteht euch viel öfter und es gibt viel weniger kleine Missverständnisse, die sich den ganzen Tag über ansammeln und schließlich in einem Wutanfall entladen.
Und genau das macht im Alltag oft einen erstaunlich großen Unterschied.
Wenn du dabei Unterstützung möchtest
Viele Babygebärden-Kurse vermitteln 60 oder 70 Gebärden. Natürlich sind viele davon sinnvoll.
Die entscheidende Frage lautet für mich aber immer: Welche Gedanken beschäftigen DEIN Kind gerade am häufigsten?
Denn genau dort entsteht Verständigung.
Deshalb starten wir in Gebärden-ZAUBER nicht mit einer festen Liste von Gebärden.
Wir schauen zuerst auf euren Alltag.
Auf die Situationen, die euch gerade Kraft kosten.
Auf die Interessen deines Kindes.
Und auf die Gedanken, die vermutlich immer wieder in seinem Kopf auftauchen.
Erst dann wählen wir die Gebärden aus.
Denn eine einzige passende Gebärde kann mehr verändern als zwanzig Gebärden, die für dein Kind gerade unwichtig sind.
Wenn du nicht mehr rätseln möchtest, welche Gebärden jetzt wirklich sinnvoll sind, sondern herausfinden möchtest, welche deinem Kind genau jetzt helfen würden, seine Gedanken früher mitzuteilen, dann begleite ich dich gern dabei.
Ich bin neugierig
Wenn du an die letzten Tage denkst:
Welches Thema taucht bei deinem Kind gerade gefühlt zwanzigmal am Tag auf?
Worüber möchte es wahrscheinlich gern sprechen?